Sorgen

Sorgen können belasten oder anspornen.

Ja, der hohe Frankenkurs beschäftigt mich. Ich wache sogar nachts auf mit düsteren Gedanken, wie sich die aktuelle Situation auf mein Portfolio auswirken wird – und auf das meiner Kunden. Da haben sich in Kürze riesige Verluste angehäuft. So schnell zerrinnt das Geld zwischen unseren Fingern. Noch vor wenigen Wochen haben diese Portfolios Wohlstand und Sicherheit vermittelt. Und nun ist alles wacklig. Nichts ist sicher. Wie geht es weiter? Es gibt Grund zum Sorgen.

Vor kurzem bin ich von einer Nepal-Reise heimgekehrt. Ich war im Auftrag der Christlichen Ostmission unterwegs. Es ging darum, Mitarbeiter von lokalen Kirchen und Organisationen auszubilden, damit diese ihre Landsleute in entlegenen Dörfern beim Start von kleinen Familienbetrieben anleiten können. Ich staunte. Da haben sich um die 200 Männer und Frauen eingefunden, die diese Auf­gabe angehen wollen. Das ist Grund zur Freude. Aber nicht nur. Warum sind sie an diesem Projekt interessiert? Grund ist die riesige Not. In Nepal leben die meisten Leute in entlegenen Dörfern. Diese sind sehr schlecht oder gar nicht mit Strassen erschlossen. Die Leute ernähren sich zum grossen Teil aus der kargen Landwirtschaft. Für junge Leute gibt es kaum Hoffnung auf ein besseres Leben in der Zukunft. Und was geschieht in dieser schwierigen Situation tausendfach? In diesen Dörfern tauchen regelmässig Händler auf und machen den jungen Männern und Frauen verführerische Angebote. Sie wecken Hoffnung auf eine Stelle als Verkäuferin in einem Modegeschäft in der Hauptstadt Kathmandu. Oder sie offerieren einen Job als Blauhelmsoldat bei der UNO. Unter grosser Geheimhaltung gehen viele junge Menschen darauf ein und verlassen ihre Familien über Nacht – in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Was ihnen blüht, ist in den meisten Fällen ein bitterböses Erwachen. Sie sind in die Fänge von Menschenhändlern geraten. Frauen werden nach Indien verkauft in die Prostitution. Männer werden als Arbeitssklaven in die Emirate verschoben oder dienen gar als Opfer im Organhandel.

Diese Geschichten sind grausam und tragisch. Sie sind Grund zu grosser Sorge. Von dieser Sorge getrieben interessieren sich meine Seminarteilnehmer für den Aufbau von Familienbetrieben. Sie wollen den Jungen begründete Hoffnung auf eine bessere Zukunft in ihren Dörfern geben. Und sie wollen sie bewahren vor den Menschenhändlern. Sie tun das nicht mit reden, sondern mit Taten. Sie sind bereit, in die Dörfer zu reisen und beim Aufbau von Familienbetrieben mitzuarbeiten. Sorgen können belasten oder anspornen.

Mario Brühlmann ist Gründer der Swiss Consulting Group, Präsident der Christlichen Ostmission (www.ostmission.ch) und Buchautor.