Freiheit - eine Selbstverständlichkeit?

Den wahren Wert der Freiheit erkennen wir erst, wenn wir sie verlieren. Begegnungen mit Christen in einem zentralasiatischen Land werfen Fragen auf zu unserem Umgang mit der Freiheit.

Immer wieder höre ich von Unterdrückung und Verfolgung – insbesondere von christlichen Minderheiten. In den letzten Wochen habe ich dies in einem zentralasiatischen Land hautnah miterlebt. Um betroffene Menschen zu schützen, nenne ich weder Namen von Ländern, Organisationen noch Menschen. Schon dies widerstrebt mir! Ich bin nicht mehr frei, mitzuteilen, was ich gesehen habe und was mich bedrückt. Eine Information am falschen Ort kann drastische Konsequenzen haben für Menschen, die ihrem Schicksal nicht entfliehen können. Mit meinem Schweizerpass konnte ich jenes Land nach ein paar Tagen wieder verlassen. Die kleinen Grüppchen von Christen dort können dies nicht. Wenn sie sich als Christen zu erkennen geben, nehmen sie spürbare Nachteile in Kauf. Sie haben keinen Zugang zu lukrativen Arbeitsstellen. Sie werden dauernd überwacht. Wenn sie ausländische Gäste bewirten, müssen sie mit Hausdurchsuchungen und Verhören rechnen. Der Besitz einer Bibel oder christlicher Literatur kann sie in grosse Bedrängnis bringen. Für ein Treffen wechseln sie wöchentlich ihren Aufenthaltsort, um der Überwachung zu entgehen. Das gemeinsame Lernen aus dem Wort Gottes und die Gemeinschaft unter Glaubensgeschwistern ist es ihnen wert, viele Hindernisse zu überwinden und Nachteile in Kauf zu nehmen. Und wenn gelegentlich im Versteckten doch noch eine Begegnung mit Gleichgesinnten aus fernen Ländern möglich ist, empfinden sie dies als grosse Ermutigung. Es ist für sie wie ein Fenster in eine andere Welt. Sie schöpfen daraus Hoffnung und Kraft für ihren Alltag.

Was hat das mit uns zu tun? Wir leben in grosser Freiheit und können tun und sagen was wir wollen. Betrachten wir dies als Selbstverständlichkeit und als unabdingbares Recht, das uns niemand nehmen kann? Oder sollten wir uns vermehrt fragen, woher wir unsere Freiheitsrechte haben? Könnten wir diese unter Umständen auch verlieren? Wieviel ist uns die Freiheit wert? Wären wir auch bereit, gegen deren Verlust zu kämpfen? Was könnte zum Verlust der Freiheit führen? Geschieht dies über Nacht oder in einem schleichenden Prozess? Merken wir es überhaupt, wenn Freiheiten Stück für Stück verschwinden?

Die Botschaft von und über Jesus Christus ist die Botschaft von Freiheit. Jesus befreit aus Gefangenschaft und führt in die Freiheit. Leider gibt es starke Mächte, die mit allen Mitteln versuchen, diese Freiheit wieder zu nehmen. Heute in Zentralasien. Und morgen?

Mario Brühlmann ist Präsident der Christlichen Ostmission, Gründer der Swiss Consulting Group und Buchautor.