Berührungsängste

„Haben Sie manchmal auch ein wenig Angst vor der Zukunft?“ Diese Frage im Spektakel von „Karl’s kühner Gassenschau“ lässt keinen Zuschauer kalt. Sie provoziert, bewegt und weckt auf.

Die Frage ist nicht neu. Ich erinnere mich an die frühen 70er-Jahre. Als Studenten diskutierten wir sorgenvoll über künftige Zeiten. Über den bedrohlichen russischen Bären und die gelbe Gefahr aus China. Über Umweltverschmutzung und Verschwendung von Ressourcen. Über den Wertezerfall und unheilbare Krankheiten. Wir fanden damals keine Lösungen für diese Probleme, aber wir mussten lernen, mit den Zukunftsängsten umzugehen. Was hat mir dabei geholfen?

Ich blicke zurück auf unvergessliche Begegnungen mit fremden Menschen in Osteuropa und Asien im Rahmen von Projekten der Christlichen Ostmission. Da war die russische Kinderärztin in Kiew. Seit Monaten lebte sie ohne Lohn, weil ihr Spital nicht in der Lage war, diesen zu bezahlen. So organisierte sie Geld für ihr Busbillett und Nahrungsmittel für die Kinder im Spital. Ich habe von ihr gelernt, dass einzelne Personen mit Hingabe trotz widriger Umstände das Schicksal von vielen Menschen positiv beeinflussen können.

Da war der usbekische Kleinunternehmer in Shimkent. Er war als Christ geprägt von jahrelanger Unterdrückung in einem kommunistischen System. Er hat in unseren Seminaren neuen Mut geschöpft für den Aufbau eines Familienbetriebs. Heute kann er damit seine Familie ernähren und bietet sogar Arbeitsplätze für Angestellte an. Ich habe von ihm gelernt, die harte Schale und das weiche russische Herz zu verstehen und zu lieben.

Und dann war da der buddhistische Rektor in Hanoi. Wir haben zusammen stundenlang diskutiert und dabei Frühlingsrollen und Garnelen gegessen. Jetzt kenne ich seine ganze Lebensgeschichte, wie er sich vom armen Bauernjungen zum Grossunternehmer und Professor entwickelt hat. Ich habe von ihm gelernt, respektvoll und tiefgründig unterschiedliche Ansichten zu diskutieren.

Und dann war noch der ägyptische Arzt. Er hat mir das Alltagsleben als Familienvater und Arzt in Ägypten geschildert. Bei ihm habe ich gelernt, dass wir trotz der Fremdartigkeit mit sehr ähnlichen Freuden und Sorgen konfrontiert sind.

Begegnungen solcher Art bauen Berührungsängste ab und ermöglichen gemeinsame Aktivitäten zur Gestaltung der Zukunft über Kulturgrenzen hinweg. Gehen Sie morgen auf irgendeinen Ihnen fremden Menschen zu, um neue Impulse für Ihr Denken zu erhalten?

 

 

Mario Brühlmann ist Gründer der Swiss Consulting Group SCG AG und Präsident der Christlichen Ostmission. 

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